Mehr als „Irgendwelche österreichischen, vollkommen unbekannte Filme“

Vierter Abend, Österreich Wettbewerb 3: engstirnige Pessimisten befürchteten langweilige, uneinfallsreiche Pseudo-Hollywoodfilme von ach-so-talentierten Möchtegernspielbergs.

Ihre negativen Erwartungen wurden zu ihrem Leidwesen weitestgehend zunichte gemacht. Genauer gesagt wurden sie bis auf den letzten Rest ausgelöscht. Bombardiert mit unglaublich brillanten und abwechslungsreichen Beiträgen von nationalen RegisseurInnen.

Der Einstieg erfolgte mit dem Short „Sexy“, von und mit Kurdwin Ayub. Eine Szene, die wohl den meisten jungen Mädchen (vielleicht auch Burschen?) bekannt vor kommt: man liegt im Bett, surft durch diverse You-Tube Videos und denkt sich: „Das kann ich auch“. Und schon geht’s los mit Hüftkreisen, lasziven Blicken und dem sich-sexy-am-Bett-räkeln. Zumindest wenn man Miley Cyrus in „We can’t stop“ versucht nach zu machen. Vielleicht gibt es ja im nächsten Jahr die Fortsetzung mit „Wrecking Ball“. Wäre jedenfalls amüsant anzusehen.

Für „Schwitzen“ ist die Bezeichnung Kurzfilm beinahe untertrieben, die erlaubte Länge von maximal 30 Minuten wurde bis auf die letzte Sekunde ausgenutzt. Und auch dieses Video barg einige Wiedererkennungsmerkmale aus dem persönlichen Leben. Nun gut, wahrscheinlich (hoffentlich!) galten die wenigsten unter uns in ihrer Schulzeit als gefürchtete Mobber. Unerlaubtes Ausgehen, übermäßiger Alkoholkonsum und die Schwierigkeit, Freundschaften aufrecht zu erhalten werden aber wohl allen in gewisser Weise bekannt vorkommen. Besonders hervorgehoben werden soll hier die schauspielerische Leistung der beiden Hauptprotagonistinnen. Ein Glück für uns, dass „das Casting interessanter war als die Mathestunde“.

Ein Bild, das wir so nie zu sehen bekommen, schilderte uns „Época Baixa – Off Season“. Dialoglos zeigt uns Jola Wieczorek was in den ansonst so strahlenden Hotelburgen abseits der Ferienzeit passiert – nämlich absolut gar nichts. Keine Menschenseele ist zu sehen, die Betten sind unberührt, die Strandliegen stehen gestapelt in Reih und Glied. Ein faszinierender Blick hinter die Kulissen einer glänzenden Fassade.

Beitrag Nummer vier handelt vom offensichtlich besten Geburtstagsgeschenk für einen israelischen Junggesellen: sein österreichischer Urlaubsflirt nimmt nach einem kleinen Unfall die Pille-Danach. Guy Lichtenstein präsentiert mit „Birthday Present“ ein gelungenes Zusammenspiel zwischen Genuss und Unbehagen, Zurückhaltung und Extrovertiertheit, Christen, Juden und Muslimen. Sehenswert.

Zum Abschluss erneut ein Film, der Erinnerungen an die eigene Jugend lebendig werden lässt. In “Daheim und Dazwischen” kehrt Max, ausgezogen in die weite Welt, zurück in seine Heimat. Ein Abend mit Freunden verwandelt sich in dem Versuch vergangene Zeiten wieder auferstehen zu lassen. Mit Hilfe von ein paar Bierchen, kontaktfreudigen Mädchen, nächtlichem Baden und einem Joint sollen die Sorgen und Probleme der Erwachsenenwelt zumindest für eine Nacht vergessen werden. Ja, auch solche Situationen kennen wir nur all zu gut.

Spätestens nach diesem Abend bin ich mir sicher: man muss als ÖsterreicherIn nicht zwingend High Heels und Bart kombinieren, um tobenden Applaus für seine/ihre grandiose Leistung zu erfahren. Ein bis zum letzten Platz gefüllter Kinosaal bestätigte meine Theorie.

"Birthday Present", Guy Lichtenstein

“Birthday Present”, Guy Lichtenstein